Tavernen und Trinkspiele… So Verliebst Du Dich in Kopenhagen

Wenn du durch den Haupteingang der Eiffel Bar in Christianshavn gehst, begrüßt dich zuerst eine weitere, etwas düsterer aussehende Metalltür.  Dahinter verbirgt sich eine Luft zum Schneiden – voller Rauch und angeregter Gespräche. In den Kneipen Kopenhagens gibt es immer noch kein Rauchverbot, da Bars mit einer Fläche von unter 40 m² hiervon komischerweise nicht betroffen sind (solange kein Essen serviert wird). Du läufst also hinein in dichten Smog und eine berauschende Atmosphäre, vor allem, wenn du von den breiten, sauberen und unverschmutzten Straßen Kopenhagens reinkommst.  Sobald sich dein Geruchssinn allerdings an die Kneipe gewöhnt hat und du über einem Bier für 20 Kronen sitzt, merkst du allmählich, dass du es dir gar nicht anders wünschen würdest.

 

Kneipen sind die ultimativen Absteigen der ganz alten Schule – klein und verraucht, mit gedämpftem Licht, niedrigen Decken und vor allem, wenn du mit kleinem Geldbeutel in Kopenhagen unterwegs bist, günstigen Preisen. Ein preiswerteres Bier als das hier für knapp 2,70 € gibt es in der Stadt sonst kaum. Leider muss ich zugeben, dass ich in Kopenhagen selbst schon in mehr als einer Bar über den Tisch gezogen wurde und 8 € für ein deprimierend normales Bier ausgegeben habe. In einer Stadt, die für ihre gehobenen Preise berüchtigt ist, sind diese kleinen Kneipen wie verrauchte kleine Oasen für all diejenigen unter uns, die genug Bier trinken, dass 8 € pro Glas einfach undenkbar wären. Da überrascht es wenig, dass sie sich in den letzten Jahren zum richtigen Renner entwickelt haben. Wer bei seinem Städtetrip nach Kopenhagen auf sein Geld achten muss, der liegt bei einer Kneipe goldrichtig.

Eine düster aussehende Tür, die viel weniger Gruselfaktor hat als ein Bier für 8 €…

Als wir durch die zweite Metalltür gehen, ist es 18:15 Uhr und die „trendigen“ (sorry!) Bürotiere, die für gewöhnlich zum Feierabendbier ins Eiffel kommen, lassen noch auf sich warten. Meine Begleiterin Marie-Louise versichert mir, dass sie aber noch kommen werden. Im Moment sitzen ein paar Gruppen älterer Männer am Tresen, trinken Bier und paffen Zigarren. Aus der Jukebox in der Ecke tönt Thin Lizzy. So weit, so gut. Die Bedienung ist schnell und freundlich und bis 19:00 Uhr ist Happy Hour, sodass dieses Bier für sonst 20 Kronen jetzt nur 17 kostet. Und wenn du so günstiges Bier in Kopenhagen findest, fehlt nur eine Sache…

Dänische Trinkspiele.

Marie-Louise geht an den Tresen und kommt mit drei Lederbechern voller Würfel zurück an den Tisch. Sie kündigt an, dass wir jetzt Meyer und Snyd lernen werden. Scheinbar spielt sie hier jeder und es kommt oft vor, dass sich wildfremde Menschen zu dir setzen und mitmachen wollen oder sich zwei Gruppen zusammentun und eine gemeinsame Partie spielen. Beide Spiele machen wirklich Spaß, aber meiner Meinung nach ist Snyd (Liar´s Dice auf Englisch, also „Bluff“) definitiv witziger. Ich verrate euch, wie man es spielt.

Die Eiffel Bar hat ihr Branding einfach drauf. Absolut großartig.

Es ist quasi ein Spiel, das Wahrscheinlichkeit mit glatten Lügen vereint. Jeder Spieler hat fünf Würfel in einem Lederbecher. Du schüttelst den Becher und stellst ihn vor dir auf den Kopf. Darunter befinden sich die Würfel.

Du kannst dir dein eigenes „Blatt“ ansehen und anhand des Wurfs vor dir erraten, wie die Reihung im gesamten Spiel aussieht. Einser gelten als „Joker“, sie können jeden beliebigen Wert annehmen. Wenn ich also zwei Einser, zwei Vierer und einen Sechser gewürfelt habe, könnte ich sagen, dass die Einser jetzt Vierer sind. Somit habe ich technisch gesehen vier Vierer. Ich könnte dann ganz sicher sagen, dass es im ganzen Spiel mit fünfzehn Würfeln, sagen wir, insgesamt acht Vierer gibt (denk´ dran, dass auch die der anderen zu den Vierern zählen).

Der nächste Spieler kann dieses Gebot erhöhen, indem er wettet, dass es neun Vierer gibt, oder er kann bei acht von etwas bleiben – aber der Wert muss dann über dem der Vierer liegen (acht Fünfer / Sechser). Wenn ein anderer Spieler meine Ansage bezweifelt, muss jeder seine Würfel zeigen. Bei acht oder mehr Vierern muss derjenige, der meine Ansage bezweifelt hat, trinken und verliert einen Würfel. Wenn es weniger als acht Vierer gibt, trinke ich und verliere einen Würfel. Und so geht das Spiel weiter. Wenn alle deine Würfel weg sind, musst du trinken, und du setzt bis zur nächsten Runde aus.

Marie-Louise gewinnt. Schon wieder.

Verstanden? Ich weiß nicht, wie gut ich das Spiel erklärt habe, aber ich hoffe, du verstehst jetzt, worum es geht. Im Internet findest du bessere Spielanleitungen, falls es dich interessiert. Die Runde geht weiter, Leute verlieren ihre Würfel und am Ende sind noch zwei Leute übrig, die sich gegenseitig anbluffen müssen und wenig Platz zum Bluffen haben. Derjenige der am Ende noch Würfel übrig hat, gewinnt. Der andere muss trinken. Fairerweise trinkt der Gewinner wahrscheinlich auch.

Danach geht’s, wenn du so drauf bist wie wir, wieder von vorne los.

Tatsache ist, dass es immer lustiger wird, wenn die Würfel nach und nach weniger und die Spieler immer angetrunkener werden. Bevor wir uns versehen, ist die Bar voller junger Leute. Jeder hat ein Bier in der Hand, auf der Jukebox wird ein Lied nach dem nächsten gespielt, es gibt Gelächter und Würfelspiele, und es ist einfach toll. Einer will sogar bei uns mitmachen. Kristian ist ein lustiger, typisch gutaussehender junger Däne mit einem liebenswerten, kleinen, mürrischen alten Hund namens Perro, den er gerettet und von Spanien nach Dänemark zurückgebracht hat (das sollte dir eine Vorstellung davon geben, was für ein Mensch Kristian ist). Wir spielen und trinken eine Runde nach der nächsten, weinen alle vor lauter Lachen und ich habe plötzlich das Gefühl, das einen im Urlaub erwischt, wenn man sich in einen Ort verliebt.

Guck´ mal: Hier besprechen Dänen, ob ich bluffe oder nicht. Alles Strategie, Leute.

Besonders gefällt mir an diesem Gefühl, dass es dich selten dann erwischt, wenn du dir ein berühmtes Wahrzeichen ansiehst oder ein Museum besuchst. Klar, geh´ natürlich zur kleinen Meerjungfrau und sieh sie dir an (sie blickt ein bisschen mürrisch drein, aber dafür hat man Verständnis). Mach´ alle Touren und schau´ dir alle Sehenswürdigkeiten an, egal in welcher Stadt du bist. Aber das sind meist nicht (oder fast nie) die Momente, in denen du ein echtes „Gespür“ für den Ort entwickelst und du dich verliebst.

Diese Momente erlebst du, wenn du angetrunken mit einem niedlichen alten Jack Russel Terrier in einer winzigen Kneipe redest, während du versuchst, andere beim Würfelpoker anzulügen. Das ist genau das „Hygge“-Ding, das hier so gefeiert wird. Und genau das liebe ich so an Kopenhagen – Würfelspiele und tolle, freundliche, offene Menschen, die einfach rüber kommen und ein paar Runden mitspielen. Und günstiges Bier in einer Kneipe.

Oh, und gönn´ dir obendrein noch einen Burger bei Grillen, nur wenige Gehminuten von der Eiffel Bar entfernt – das Restaurant ist der ideale Ort für den Heißhunger nach dem Trinken. In einer Stadt, in der das Essen zwar lecker, aber teuer ist, ist Grillen wie ein Wallfahrtsort für Fleischfreunde, der hungrige und preisbewusste Reisende mit seinen hochgestapelten Hamburgern, fantastischen Curly Fries und Dips für nur 89 Kronen (für das ganze Essen) anlockt. Nach einem feuchtfröhlichen Abend genau das Richtige. Ich habe mir den Habanero-Dip bestellt, weil ich angeben wollte, aber die Aioli- und Chili-Mayo-Dips passen eigentlich viel besser zu Pommes. Ihr wurde gewarnt.

Das Burger-Restaurant Grillen in Christianshavn. Wirklich lecker.